Umdenken
Dieter 18. Januar 2012
Fast hätte diese neuerliche Enttäuschung Tanja aus der Bahn geworfen, doch trotzig steckte sie die negative Erfahrung weg und überlegte sich die verbleibenden Optionen. Doch so sehr viele Optionen gab es garnicht, denn in den verunstalteten Schuhen war eine weitere große Wanderung fast nicht mehr möglich, da sie schon jetzt fast auseinanderfielen. Unbefriedigend war auch die Tatsache, das es in der Umgebung scheinbar keine Anhöhe gab von der man die Gegend überblicken konnte, obwohl es natürlich immer noch die Möglichkeit gab, einen Baum zu erklimmen. Doch diese Möglichkeit schob sie erst einmal weit von sich, da sie absolut nicht höhentauglich war und unter Umständen dadurch abstürzen konnte. Um es kurz zu sagen, sie hatte Angst, Höhenangst.
Aber ohne Plan wild in der Gegend herumzulaufen war auch nicht das nonplusultra, ganz im Gegenteil, so würde sie wertvolle Energien vergeuden, die sie später garantiert noch brauchen würde. Also blieb nur die Möglichkeit ein vorübergehendes Lager zu finden und sich dort auf längere Märsche vorzubereiten.
Doch Tanja Solter war ein Stadtkind und hatte niemals Interesse an der Natur gezeigt. Deshalb fiel es ihr auch schwer, zu beurteilen, was ein gutes Lager ist und vor allem, wie man sich ohne Werkzeuge behilft. Statt nun weiter in den Wald zu laufen, ging sie wieder zurück zum See und suche sich einen weiteren Zulauf, der etwas freier lag und an dem man ein Feuer entzünden konnte ohne gleich den ganzen Wald abzufackeln. Nach eifrigem Suchen und einer fast kompletten Umrundung des Sees, hatte sie dann auch einmal Glück und fand eine derartige Stelle. Zwar mitten im Schilf, die den Rand des Sees und auch einen Teil des Baches säumten, aber immerhin war die Stelle so groß, das man sich am Feuer lang ausstrecken konnte. Zudem schützte der Schilf auch noch ein wenig vor Wind.
Aus dem Bach holte sie zuerst Steine für den Rand des Feuers, ganz so wie im Fernsehen in den alten Western. Schnell merkte sie, dass es nicht nur Steine im Bach gab, sondern auch Fische. Wobei manche eine recht ansehnliche Größe zeigten und ein entsprechendes Maul hatten. »Vielleicht sollte man beim Betreten des Baches etwas vorsichtiger sein«?
Nachdem der Feuerkreis vollständig war, sammelte sie Feuerholz, das gut ausgetrocknet war, etwas Heu zum Anzünden und ein paar Büschel Heu als Sitzkissen. Mehr als einmal behinderten dabei ihre vielzulangen Fingernägel beim Zupacken, doch die monatelange, sorgsame Pflege der Nägel, um sie auf diese Länge zu bekommen, schreckte sie vom abschneiden ab. »Zum Teufel, wer sieht mich eigentlich hier in der Wildnis«? Sie plapperte munter vor sich hin und versuchte sich selbst zu überzeugen, dass sie ja wieder nachwachsen würden. Doch der innere Kampf dauerte wesentlich länger um endlich zur Tat zu schreiten. Sie setzte sich auf den Boden, holte das Manikürset aus der Schmincktasche und schnitt den ersten Nagel bis auf wenige Millimeter ab. Es fühlte sich fast wie ein körperlicher Schmerz an, zu sehen, wie die Nägel herunterfielen. Doch nach dem ersten Nagel ging es leichter und bald waren alle Nägel gestutzt, sodaß sie jetzt voll in die Grasbüschel greifen konnte. In einem kleinen Ritual würde sie nachher diese Nägel verbrennen, damit sie sie nicht wieder sehen und keine weiteren Schmerzen über den Verlust ertragen mußte.
Trotz ihres einsernen Willens, merkte sie, dass die Zeit hier an der frischen Luft und den ungewohnten Tätigkeiten ganz schon an ihrer Substanz nagten und sie schon jetzt am frühen Nachmittag hundemüde war. Die vielen Enttäuschungen und die Bewegung in der Natur hatten ihr einen großen Teil ihrer Kraft geraubt. Entsprechend setzte sie sich erst einmal auf den Boden und sank langsam mit dem Rücken voran in eine liegende Stellung. Wie hieß das noch gleich? »Nur ein Viertelstündchen«!
Aus einer Viertelstunde wurden dann aber doch mehr als zwei ganze Stunden und die Sonne war schon fast wieder am Horizont verschwunden. Eigentlich nicht schlimm, wenn man sich vorher ordentlich versorgt. Doch diesmal hatte sie ganz vergessen einen Vorrat an Beeren zu sammeln und so blieb ihr nur ein kleiner Rest, den sie so nach und nach als kleines Abendbrot verspeiste. Im Gegensatz zu gestern, hatte sie aber heute die Möglichkeit den Magen noch mit Wasser zu füllen, auch wenn dies in kurzer Zeit schnell wieder raus wollte. Komischerweise hatte sie ihr großes Geschäft diesen Tag auch noch nicht machen können und hoffte, dass sie in der kommenden Nacht auch nicht mehr dazu gezwungen wurde.
Im Halbdunkel versuchte sie das Feuer zu entzünden, doch das eigentlich trockne Gras schien wieder feucht geworden zu sein. Notgedrungen riss sie noch ein Blatt der Zeitschrift in ihrer Tasche ab und entflammte damit das Gras und im Anschluß die Stöckchen, die sie darüber gelegt hatte. Als das Feuer schön hell und groß war, legte sie die kräftigeren Stämme daruber und hoffte, das diese sich trotz Feuchtigkeit entzünden würden, was sie dann auch, dem Himmel sei Dank, machten. Im Lichtschein des Feuers ordnete sie das Heu, merkte aber, dass der Boden einiges an Feuchtigkeit abgab und auch ihr Kleid durchnässt hatte. Irgendwie war das noch nicht die richtige Lösung, denn die Feuchtigkeit kühlte den Körper ab und an der Sitzfläche fror sie schon wieder. Eine Decke aus Plastik oder eine Tüte wäre jetzt sehr hilfreich, doch soetwas fand sie leider in den Tiefen ihrer Tasche nicht.
Wie haben das wohl die Höhlenmenschen gemacht, wenn sie keine Höhle fanden?
Tanja ärgerte sich darüber, dass sie nicht mehr Selbsthilfe- und Natursendungen im Fernsehen angesehen hatte, denn die hätten ihr bestimmt jetzt helfen können. So aber mußte sie sich selber helfen und überlegte, ob man nicht Zweige und Äste nebeneinander legen konnte, um der Feuchtigkeit aus dem Boden nicht besser zu begegnen. Leider war es für heute schon etwas zu dunkel, doch morgen würde sie versuchen, sich ein Bett zu bauen. So aber blieb ihr nichts anderes übrig, als den Rest der Zeitschrift auf dem Boden auszubreiten und hoffte, dass das Papier nicht gleich durchweichte. Von den Beinen an, über den Schoß, bis hin zu den Brüsten verteilte sie das gesammelte Gras und hofte, das diese Decke für die Nacht genügen würde.
Tat sie aber nicht!
Denn nach gefühlten zwei Stunden fror sie komplett am ganzen Körper, was wohl auch damit zusammenhing, dass das Feuer bis auf einen winzigen Rest heruntergebrannt war. Schnell befreite sie sich vom Gras, wobei ein Teil ins Feuer fiel und verbrannte und legte schnell ein paar der übriggebliebenen großen Äste aufs Feuer. Doch die Dinger wollten einfach nicht anfangen zu brennen, es fehlte an dünnem Holz, von dem sie leider viel zu wenig besorgt hatte. Um nicht in der Dunkelheit herumzuirren, opferte sie einen großen Teil ihres Heu Bettlakens und entfachte so wieder ein richtig schönes Feuer.
- Kapitel 1 - Tanja
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