Überleben

16. Januar 2012

Tanja konnte von Glück sagen, dass sie gerade jetzt in den Wald gegangen war, um Feuerholz zu besorgen. Denn im nördlichen Bereich des Erdbeerfeldes stiegen im gleichen Augenblick, als sie den Wald betrat unwirkliche Gestalten in den Himmel auf, die aus der Entfernung wie ein Schwarm Krähen aussahen, jedoch wesentlich größer und mit einer riesigen Flügelspannweite. Bei näheren Hinsehen, hätte man erkennen können, das es humanoide Gestalten waren, die fast wie Engel wirkten, dies vermutlich aber nicht waren.

So aber bemerkte Tanja nichts von alledem und als sie mit Knüppeln und Ästen, die größer waren als sie selbst, zum Feuer zurück kam, waren die Gestalten bereits verschwunden. Sie legte ein paar der kleineren Äste über das Feuer, doch es dauerte eine ganze Weile bis diese anfingen zu brennen. Das Feuer loderte jetzt halbwegs gut und man konnte sich in seiner Nähe ganz gut wärmen. Allerdings hatte Tanja nicht mit dieser starken Rauchentwicklung gerechnet und irgendwie blies der Rauch immer in ihre Richtung, sodaß sie völlig eingenebelt wurde und mit Hustenkrämpfen zu kämpfen hatte. Wie in Kindertagen, befeuchtete sie den Zeigefinger mit Spucke und hielt diesen in die Luft, um zu ermitteln, aus welcher Richtung der Wind kam. Zum Erstenmal seit ihrer Strandung hier, mußte sie über ihr Tun lachen, denn sie hätte nie gedacht, dass sie diese Erfahrung aus Kindertagen jemals brauchen würde. Während sie sich nun in Windrichtung ans Feuer setzte, überlegte sie sich die weitere Vorgehensweise.

Sie war hier gestrandet, wo auch immer das war und es schien entweder ein gut ausgestatteter Traum zu sein oder es war tatsächlich die Realität. Doch egal was es war, sie mußte einen Ausweg finden und bis dahin irgendwie versuchen, entweder zivilisierte Unterstützung zu finden oder aus eigener Kraft zu überleben. Langsam wurde ihre Kämpfernatur wach und gewann die Oberhand.

Erste Maßnahme: Inhaltsüberprüfung ihres Beutels, genannt »Handtasche«

Mit großem Unbehagen schüttete sie den gesamten Inhalt vor sich aus dem Beutel und betrachtete den Haufen. Kleidung zum Wärmen war zwar nicht dabei, aber mehr oder weniger nützliche Dinge, die man auch in der Wildnis gebrauchen kann, als da wären:

Taschenschirm, Geldbörse, Filofax, Schlüssel, Kosmetikartikel + Lippenbalm + Handcreme + Haarbürste + Nagelfeile + Tampons + 1 Kondom, eine alte Zeitschrift, Minzdrops und diverse Kaugummis, diverse Kugelschreiber und Visitenkarten, eine Schraube, Sonnenbrille, Zahnseide, ein zusätzlicher Taschenspiegel, eine leere Brötchentüte, diverse Kassenzettel, Tränengasspray, diverse Billigschmuckstücke und zu guter letzt, die goldfarbene, metallene Blumenwaage, die sie sich auf dem Flohmarkt gekauft hatte.

Nichts von alledem wollte sie entbehren und steckte schnell alles wieder in ihren Beutel. Die Blumenwaage besaß zwei becherförmige Schalen, die man durchaus auch zum Trinken oder heissmachen von Speisen bzw. Getränken benutzen konnte, auch wenn das Innere recht rauh aussah und natürlich ersteinmal ordentlich ausgespült bzw. desinfiziert werden mußte. Vor allem die Kette an diesen Bechern, würde sie vor Verbrennungen schützen. Selbst den metallenen, spitzen Stab, wo diese Becher dran hingen, konnte man unter Umständen als Waffe benutzen. Also, wenn man all diese Dinge betrachtete, dann ging es ihr doch garnicht so schlecht und irgendwie würde sie sich schon aus dieser Situation winden.

Doch das leidliche Kleidungsproblem machte ihr Sorgen, denn ihr Kleid war nicht wirklich wärmend und vor allem auch nicht sehr praktisch.

Welche Kleidung hatten wohl Neandertaler benutzt aussser den Fellen?

Schade, dass sie sich nie um soetwas gekümmert hatte, doch wer konnte auch schon eine derartige Odyssee vorausahnen?

Das Feuer war schon wieder stark heruntergebrannt und nachlegen wollte sie jetzt nicht, da sie eher darauf brannte, die Umgebung zu erforschen, ob es nicht vielleicht doch noch ein Dorf oder zumindest Menschen in ihrer Umgebung gab. Um sich zu stärken, aß sie schnell  ein paar Beeren und sammelte sich einen kleinen Vorrat zusammen, die sie in die leere Brötchentüte packte. Ein wenig strahlend über den Nutzen ihres Tascheninhalts, packte sie die Tüte in den Beutel und machte sich reisefertig. Die angebrannten Äste ohne Glut entfernte sie vom Feuer, sodaß es vermutlich zu keinem Brand kommen würde und das Feuer von alleine ausgehen würde. Nach getaner Arbeit schaute sie sich noch einmal um und entfernte sich vom Feuer in der bisher eingeschlagenen Richtung.

Die Reise ins Ungewisse begann und eine bisher unbekannte Abenteuerlust hatte sie gepackt.

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