Ich bin nicht allein!

17. Januar 2012

Trotz unzureichender Ausrüstung versuchte Tanja sich keinen negativen Gedanken hinzugeben und setzte ihre Reise ins Ungewisse weiter fort. Hinein in den Wald, heraus aus dem Wald und wieder nur ein neues Erdbeerfeld. Als wenn es hier nur Wald und Erdbeeren gab, was war das für eine verrückte Welt?

Mittlerweile hatte sie schon zwei Hasen und soetwas wie einen Fuchs gesehen und in einiger Entfernung meinte sie ein Reh ausgemacht zu haben, war sich aber nicht sicher dabei. Doch ein solches Tier zur Nahrung zu töten, widerstrebte ihr absolut. Vor allem wußte sie auch nicht wie man das hätte bewerkstelligen können. Deshalb beschränkte sie sich erst einmal auf Erdbeeren und deren Blätter, die man vermutlich auch als Tee nutzen konnte und Wasser, das man zur Not aus Pfützen schöpfen konnte. Viel dringender war jedoch das leidige Kleidungsproblem, für das sie immer noch keine Lösung hatte. Sie dachte an Strohhüte und überlegte, ob man aus Stroh oder in ihrem Fall aus Heu auch soetwas wie eine Weste oder einen Mantel machen konnte. Denn ihr leichtes Kleidchen reichte gerade einmal knapp bis zu den Knien und war zusätzlich vorne sehr weit ausgeschnitten. Zum Flirten optimal, doch hier in der Wildnis nicht gerade eine zweckmäßige Kleidung.

Ohne es bewusst wahrzunehmen lief sie direkt neben einer menschlichen Fußspur her und hätte sie beinahe verloren, wenn sie nicht gerade in diesem Augenblick auf einen Ast getreten wäre, der mit einem fürchterlich lautem Geräusch knackte und sie erschreckt stehen blieb. Sie schaute sich um, um zu sehen, wer diesen Laut hätte hören können, doch niemand in ihrer Umgebung wurde durch das Geräusch auf sie aufmerksam. Zu guter Letzt schaute auf den Boden und hätte fast vor Freude laut geschrieen, als sie den Fußabdruck einer menschlichen Gestalt sah.

Ich bin nicht allein!

Also gab es doch Zivilisation und andere Menschen hier in dieser unwirklichen Welt. Für Tanja gab es jetzt kein halten mehr und sie folgte, ohne weiter nachzudenken, dieser Fußspur am Boden. Durch die herumliegenden Blätter und das viele Gras, war die Spur nicht allzudeutlich, doch immer wieder fand sie einen Teil eines Abdrucks oder aufgewühlte Blätter, die ihr die Richtung zeigten. Mittlerweile war sie der Fußspur schon eine ganze Weile gefolgt, als sie durch die Bäume mal etwas anderes als Erdbeerfelder sah. Eine vom Sonnenlicht schimmernde Oberfläche, die sich zudem noch bewegte. Noch ein paar Meter weiter und sie erblickte einen wunderschönen See, mit Schilf und Wasserrosen auf der Oberfläche. Die Fußspur folgte dem Rand des Sees und machte plötzlich einen abrupten Knick, weg vom Rand des Sees, ohne das sie den Grund erkennen konnte. Obwohl ihr der See und vor allem die andersartige Landschaft sehr gefiel, blieb ihr nichts anderes übrig, sich vom See abzuwenden, um weiter der Spur zu folgen, die jetzt in einem großen Abstand dem Rand des Sees folgte. An einem Zulauf des Sees, erkannte sie mehrere Fußabdrücke des ihr unbekannten Menschens und zusätzlich noch Abdrücke von Knien im Matsch, die zeigten, dass er/sie hier wohl ihren Durst gelöscht hatten.

Dankbar für diese kleine Erholung holte sie einen Becher der Blumenampel aus der Tasche und versuchte diesen von der Kette auf beiden Seiten des Gefäßes zu lösen. Doch so einfach war das garnicht, denn man mußte die Kette aufbiegen, was ohne Werkzeug schier unmöglich war. Ein dünner Ast brach direkt ab und selbst ihre Nagelfeile verbog sich nur, ohne dass sich der Kettenring irgendwie verändert hätte. Aus lauter Wut holte sie nun die ganze Ampel aus der Tasche und verlor dabei einen großen Teil der gesammelten Beeren in dem anderen Becher. Etwas umständlich und mit eigenartigen Verrenkungen schöpfte sie nun Wasser aus dem Bach, versuchte mit der Hand diesen auszuwaschen, was natürlich durch die rauhe Oberfläche innen nicht gelang, schüttelte das Wasser noch ein wenig hin und her und goß das Wasser zurück in den Bach. Von der nächsten Füllung löschte sie ihren Durst und diesen Ablauf wiederholte sie noch zweimal, denn man konnte ja nicht wissen wann es wieder Nachschub gab. Nach dieser Erfrischung verstaute sie die ganze Ampel wieder in der Tasche und rettete die letzten Beeren indem sie ein verknülltes Blatt der Zeitschrift als Deckel benutzte.

Wasser konnte man natürlich nicht nur zum Trinken benutzen, nein, zur Reinigung war es auch sehr zweckmässig und an ihrem Körper gab es viel zu reinigen nach den ganzen Strapazen. Was würde wohl dieser Unbekannte dem sie folgte sagen, wenn er sie so völlig verschmutzt und ungeschminckt sehen würde? Diesen Gedanken wollte sie garnicht weiter ausbauen und peinlich berührt schaute sie an sich herunter. Füße, Beine, Arme, alles verschmutzt und unordentlich. Mit Schrecken dachte sie an ihr völlig verschmiertes Gesicht und traute sich kaum den kleinen Kosmetikspiegel zu benutzen. Und wirklich, was sie da sah erschreckte sie zutiefst, denn ihr ganzes Make-up war total zerlaufen und hatte sich mit dem Blut vermischt. Eine grausame Fratze starrte sie im Spiegel an und nicht das schöne Gesicht der Tanja Solter. Die Tasche legte sie erst einmal an den Rand des Baches und betrat diesen ganz vorsichtig, wobei sie fast die lockeren Schuhe verlor. Die Temperatur des Wassers war an den Füßen kaum erträglich, doch ihr verschmutztes und peinliches Aussehen ließ sie diese Tortur ertragen. Sie wusch ihre Beine, die Arme bis hoch zu den Achseln, schöpfte mit beiden Händen Wasser aus dem Bach und ergoß dieses über ihr Gesicht. Was sie allerdings nicht bedacht hatte, war die fehlende Abtrocknung, denn sie hatte nichts, mit dem man das hätte bewerkstelligen können. Aber Lufttrocknung ist nicht gerade das non plus ultra, wenn man eh schon friert. Entsprechend beeilte sie sich das Gesicht völlig von Schminke und Make-up zu befreien und watschelte aus dem Bach heraus, um ja nicht den Rest der Schuhe zu verlieren. Zitternd und bibbernd stand sie nun am Rand und hoffte, dass das Wasser auf ihrem Körper in der Frühlingssonne schnell trocknete.

Doch die selbstauferlegte Ruhe dauerte nur kurze Zeit, denn ihre Ungeduld trieb sie an weiter zu laufen, um schnell wieder in die Zivilisation zurückzukommen. Sie nahm die Tasche auf, legte sie sich über die Schulter, sprang über den kleinen Bach und folgte wieder der Fußspur.

Aus unbekannten Gründen verlor sich diese nach wenigen Minuten, denn irgendwie endeten die letzten Fußabdrücke direkt an einem umgefallenen Baum wie von Geisterhand. Es war wie? Es ließ sich einfach nicht beschreiben, als wenn diese menschliche Gestalt von einem Augenblick zum anderen aus der Luft gepackt worden wäre und dahin entschwunden sei. Trotz intensiver Suche zeigten sich keine weiteren Spuren und das Fragezeichen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Wie um alles in der Welt hatte der Unbekannte dies bewerkstelligt?

Mit dem Ende dieser Spur endete auch ihre große Hoffnung schnell wieder in ihr altes Leben zurückzukommen umgeben von Menschen aller Art.

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