Erfahrungen erleben
Dieter 22. Januar 2012
Obwohl Tanja gerade erst seit zwei Tagen in dieser Welt gefangen war, fühlte sich dieser Ausflug in die Wildnis an, wie zwei Wochen und da sie nicht wusste, wie sie diesen Irrsinn beenden sollte, machte sie sich angstvolle Gedanken um ihre Zukunft. Doch tiefgreifende Gedanken oder Pläne mußten jetzt erst einmal ruhen, denn fürs erste mußte sie erst einmal diese Nacht überstehen. Mehrfach in dieser Nacht schaute sie sich um und hörte auf die Geräusche der Nacht, die bedrohlich in ihren Ohren klangen. Schlurfende Geräusche von unbekannten Tieren oder Wesen? Knackende Äste, schmatzende und kratzende Geräusche, als wenn jemand oder etwas seine Mahlzeit zu sich nimmt, dann wieder grunzen und quietschen. Zu gerne würde sie sich jetzt verkriechen und sich von Dieser Welt abschotten, doch wie auf einem Präsentierteller hockte sie neben einem lichterloh brennenden Feuer, das ihr einziger Schutz war. An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken, obwohl sie ihn bitternötig hatte um die kommenden Tage zu überstehen.
Sie fühlte sich wie ein Urzeitmensch, der ohne Hilfsmittel sein Leben bestreiten muss. Die Zeit der Ausreden war nun vorbei und um zu überleben, mußte sie kämpfen und denken wie diese Ureinwohner vor Jahrmillionen.
Selbst das Glück hatte sie in dieser Welt und vor allem in dieser Nacht völlig verlassen. Schon das »fast« ausgegangene Feuer war ein erstes Anzeichen, eine Art Ankündigung. Mit dem letzten Rest Heu hatte sie soeben das Feuer noch gerettet, sodaß es jetzt wieder herrlich lichterloh brannte. Doch ihr Nachtlager in bzw. an einem Bachbett war nicht besonders gut gewählt, weil man niemals wußte, wie hoch das Wasser hier steigen konnte.
Was sie natürlich nicht wissen konnte, war die Tatsache, das es in Quellnähe mehrere Tage lang heftig geregnet hatte und das dieses Wasser mit großer Geschwindigkeit auf dem Weg zum See und damit auch zu ihr unterwegs war. Vor lauter unbekannter Geräusche rings um sie herum, erkannte sie nicht dieses gurgelnde Etwas, das aus dem Boden kam. Also schon weit vor der eigentlichen Flut, stieg das Wasser im Untergrund an und ebnete dadurch den Weg des kommenden Unglücks.
Zu dem gurgelnden Geräusch unter ihr, gesellte sich jetzt eine Art Rauschen, fast wie Meeresrauschen, ohne das sie das Geräusch einordnen konnte. Als die Geräuschkulisse dann praktisch vor ihr stand, war es fast schon zu spät. Tanja raffte ihre Tasche zusammen, die sie soeben noch an den Bügeln erwischte und rettete sich mit mehreren kurzen Sprüngen aus der Gefahrenzone. Denn die Flut führte auf ihrem Weg zum See nicht nur Wasser mit, sondern auch allerlei Gerümpel und zusätzlich ein strampelndes Lebewesen, das vor Angst laut quietschte und das sie von den Umrissen her als Wildschwein identifizierte. Ein paar Habseligkeiten, die sie aus der Tasche genommen hatte, waren verloren, genauso wie ihre Schuhe und den letzten Rest der Zeitschrift, die sie zum Anzünden eines Feuers und zum säubern nach dem großen bzw. kleinen Geschäft benutzte.
Aufgrund des fehlenden Feuers, verbrachte Tanja die Nacht in völliger Dunkelheit und konnte die Ereignisse, die sie voller Angst erwartete jetzt nur noch erahnen. Doch bis zum Morgengrauen ereignete sich nichts, was zur Gefährdung ihrer Person hätte führen können. Erschöpft und starr vor Kälte erblickte sie nun das volle Ausmaß der nächtlichen Gewaltaktion. Tanja konnte von Glück sagen, das sie es in wenigen Sprüngen hier her geschafft hatte. Denn dort, wo ihr Nachtlager gewesen war, türmte sich nun ein hoher Wall aus Bäumen, Ästen und Gestein, das mit der Flutwelle hierhin geschoben worden war. Hätte sie während des Vorfalls geschlafen, dann wäre sie wohl jetzt nicht mehr unter den Lebenden, denn das Wildschwein lag völlig zerrissen in diesem großen Trümmerhaufen. Die ersten Krähen und andere Vögel hatten sich schon über den Leichnam hergemacht und piekten genüßlich in dem Schwein herum. Angewidert wandte sich Tanja ab und überlegte, wie es nun mit ihr weitergehen sollte.
Sie schaute sich um, doch kein Fleckchen in ihrer Nähe sah wirklich einladend aus. Kurzerhand entschloß sie sich, dem jetzigen Fluß entgegenzugehen, vielleicht hatte der Strom ja Zivilisationsgegenstände mitgerissen und sie konnte dann endlich sicher sein, nicht allein in dieser Welt zu sein. Doch diese Hoffnung wurde mit jedem Kilometer, den sie dem Fluß zur Quelle folgte weniger und nach fast drei Stunden verzweifelter Suche und einem schon viel zu langen Marsch, versagten ihre Kräfte. Am Rande eines weiteren großen Erdbeerfeldes ließ sie sich nieder, nahm ein paar Beeren zu sich und ließ sich dann einfach auf den Boden niedersinken. Erst jetzt bemerkte sie ihren zerschundenen Körper, der nur noch von einem Stofffetzen bedeckt war. Fast keine Stelle des Körpers war noch sauber bzw. hatte keine Schrammen oder blaue Flecke. Die Füße und die Beine, hoch bis zu den Knien waren mit Schlamm und Morast bedeckt und an einigen Stellen vermischte sich dieser gerade mit dem Blut von vielen Kratzern, die sie während der Wanderung erlitten, jedoch nicht bewußt wahrgenommen hatte. Trotz des geschundenen Körpers und der kaputten Seele, zeigte sich in ihren Augen noch ein Fünkchen Hoffnung. Mit letzten Kräften schleppte sie sich zum Bach und wusch den verschmutzten Körper mit eiskalten Wasser rein. Die nachfolgende Lufttrocknung ließ fast ihre Glieder erstarren, doch der Wille zu Leben war immer noch ungebrochen.
Mit stoischer Ruhe sammelte sie nun trocknes Gras, Stöckchen und Äste zusammen, legte alles nacheinander auf einen Haufen. Kniete sich nieder, stütze sich mit den Ellenbogen ab und griff mit dem Feuerzeug tief in den Haufen hinein, um dem Wind keine Möglichkeit zu geben, die Flamme auszupusten. Das Feuerzeug ließ den Haufen entflammen und schon bald war der Raum ringsum mit Wärme erfüllt, die sie jetzt so dringend brauchte.
Erst jetzt schaute sie sich die Gegend etwas genauer an und sah, das sich der Bach durch das Feld schlängelte und am Ende des Feldes eine Art Sumpfgebiet oder abermals ein See gelegen war und das sie ihr Feuer auf einer kleinen Anhöhe des sonst ebenen Geländes entzündet hatte. Durchaus ein guter Platz an dem sie ihr neues Heim errichten konnte. Denn hier oben würde sie vom Hochwasser verschont bleiben, hatte einen guten Überblick über das Gelände und mit dem See in der Nähe war wohl auch die Nahrungssuche in Form von Fischen gedeckt. Das leidige Kleidungsproblem würde sie allerdings damit nicht aus der Welt schaffen, dazu bedurfte es dann schon das Fell eines Hasen oder sonstigen Tieres, doch so weit wollte sie jetzt noch nicht denken. Für sie war es ja jetzt April und die wärmeren Monate würden ja noch kommen. Dass das auf dieser Welt anders war, konnte sie ja nicht wissen.
Entsprechend machte sie sich ersteinmal Gedanken um die nächsten Nächte, die sie nicht auf dem kalten Boden verbringen wollte.
Für eine Verkäuferin aus der Großstadt hatte sie sich verdammt schnell auf die neue Situation eingestellt und arbeitete verbissen an der Veränderung ihrer Situation. In Gedanken plante sie sich ein Bett aus Ästen, Heu und Blättern. Ihr Körper mußte unbedingt vom Boden weg, denn nur so konnte sich während der Nacht Wärme bilden. Um dieses Vorhaben ohne Handwerkszeug zu erreichen, schleppte sie aus dem Wald zwei Baumstämme mit fast gleichem Durchmesser auf die Anhöhe, legte diese nun parallel in einem Abstand von gut einem Meter nebeneinander hin und suchte nun im Wald gleichdicke Äste zusammen, die sie nebeneinander quer auf die Baumstämme legte. Um das Verrutschen der Äste auf den Baumstämmen zu verhindern stemmte sie viermal je einen Ast an den Ecken in den Boden, sozusagen als Bettpfosten. Aus ein paar Metern Entfernung sah es zwar eher aus wie eine Kultstätte, doch der Rohbau ihres neuen Bettes war damit fast fertig. Es hätte jetzt noch eines Windschutzes oder Daches bedurft, doch das wäre ihr heute zu anstrengend geworden.
Intelligent wie sie war, benutzte sie nun den kleinen Schirm aus ihrer Handtasche umgekehrt als Transportmittel für Blätter und Laub, das sie auf dem »Bett« gut verteilte, sodaß eine ebene und weiche Fläche entstand. Zusätzlich sammelte sie trocknes Gras, was sie wiederum auf dieser Fläche verteilte, da das Gras nicht so leicht vom Wind verweht wurde. Zur Probe machte sie sich es auf ihrer neuen Errungenschaft erst einmal gemütlich und wäre dabei fast eingeschlafen. Doch es gab an dem heutigen Tage noch mehr zu tun außer Schlafen. Denn das Feuer mußte unbedingt am Brennen gehalten werden, da das Feuerzeug wohl bald den Geist aufgeben würde und ohne Feuer war sie hier in der Wildnis einfach verloren. Entsprechend sammelte sie dickes und diesmal auch dünnes Feuerholz und rollte zusätzlich aus dem Wald einen halb angemoderten Baumstumpf heran, der nach ihrer Meinung wohl ewig brennen würde.
Von diesen Arbeiten hungrig geworden stürzte sie sich nun auf die Beeren in ihrer Umgebung und stillte den nagenden Hunger. Zusätzlich sammelte sie auch für die Nacht noch einige Beeren zusammen. Gesättigt, aber nicht zufrieden, setzte sie sich auf »Ihr« Bett und überlegte sich den Bau einer Bettdecke. Eine Decke war schon etwas anderes, als ein paar Äste zu stapeln und mit Blattwerk zu bedecken.
Sie dachte an Strohhüte, geflochtene Körbe und an Bastmatten, doch irgendwie hatten diese Dinge nicht direkt mit ihrem Problem zu tun. Auf jedenfall brauchte sie nun eine Schnur oder ein Seil, um das Heu, mit dem sie die Decke herstellen wollte, zusammenzubinden. Statt einer Schnur konnte es natürlich auch etwas Gleichartiges sein. Vielleicht konnte man ja Rinde in dünnen Streifen von Ästen abziehen und diese als Schnurersatz nehmen. Sie dachte jetzt noch einmal an Körbe und das diese aus Weiden gemacht wurden. Denn Weiden hatte sie im gegenüberliegenden Sumpfgebiet schon erspäht.
Unentdeckte Talente kamen jetzt zum Vorschein und Gehirn ratterte wie ein alter Motor. Immer neuere Ideen kamen ihr in den Sinn, bis sie endlich das Passende für sich gefunden hatte. Sie dachte hierbei an eine alte Patchworkdecke, die mit vielen bunten Stoffresten gefertigt war. Im Prinzip bestand diese Decke aus einem Netz, ähnlich einem Fischernetz, in dem die Stoffreste eingezogen worden waren. Entsprechend wollte sie sich nun ein Netz mit Rindenfäden erstellen, in das sie das Heu einziehen wollte. Hörte sich alles schön einfach an, doch für Hände, die harte Arbeit nicht gewöhnt sind, war dies ein schwieriges Unterfangen.
Gesagt, getan, sie brach auf und untersuchte nun die gegenüberliegende Umgebung. Wie schon geahnt, gab es hier einen kleinen See mit allerlei Bewohnern. Sie sah Enten, Gänse und noch diverse Vogelarten, die sie aber mit Namen nicht benennen konnte. Doch vor allem gab es hier Weiden, mit mehr oder weniger geraden Ästen, die sie jedoch nur mit großer Mühe abbrechen bzw. abreißen konnte. Nachdem sie einige dieser Äste auf einen Haufen geschichtet hatte, sah der Baum schon sehr gerupft aus. Mit viel Mühe umfasste sie das Astbündel und schleppte es in ihr neues Lager auf der anderen Seite.
Zwischen Traum und Wirklichkeit klaffte bei bevorstehenden Arbeit eine riesengroße Lücke, denn die Rinde ließ sich nicht so einfach in Fäden abreissen, wie sie sich das erhofft hatte. Immer wieder riss die Rinde an den vielen Astgabelungen ab und in der Hand hielt sie dann oft nur kurze Fäden, die absolut nicht für ihren Zweck gebrauchsfähig waren. Das ganze Astbündel hatte gerade einmal vierzig bis fünzig gut aussehende Fäden gebracht, die nach dem verknoten die Größe eines Kopfkissens hatten. Aber immerhin war dies schon fast mehr, als das, was sie an Kleidung am ganzen Körper trug. Die Bestückung des Netzes mit Heu war dagegen schon fast ein Kinderspiel und wenn man dieses »Kissen« an den Ecken anhob, fiel es auch garnicht auseinander. Mit stolz geschwellter Brust betrachtete sie ihr Meisterwerk, auch wenn es diese Nacht ihren ganzen Körper nicht bedecken würde.
Schade nur, dass es für einen zweiten Besuch zur gegenüberliegenden Seite schon etwas zu spät war, denn langsam wurde es wieder dunkel. Also begnügte sie sich damit, einen kleinen Wall in Windrichtung mit Ästen aufzuschichten, um nicht die volle Windstärke während der Nacht abzubekommen. Außerdem ließ sich dieses Holz wunderbar als Nachschub für das Feuer benutzen.
Nachdem es nun innerhalb kürzester Zeit völlig dunkel geworden war, setzte sie sich ans wärmende Feuer, trank einen Schluck Wasser und verzerrte ein paar Beeren. Grübelnd dachte sie über die letzten Tage und Nächte nach und war insgeheim überrascht von ihrer Konstitution und vor allem über die ungewohnte Gesundheit, die sie jetzt noch immer genoß. Denn in ihrem »alten« Leben vor, sie musste schmunzeln, vor ca. einer Woche, brauchte sie nur leichte Zugluft abbekommen und sie war fast augenblicklich krank. Hier aber hatte sie weder eine Erkältung, noch sonst ein Gebrechen, und das, obwohl sie herumlief wie im Hochsommer und fast ständig am Frieren war.
War das nun die gute Luft oder hatten etwa die Beeren heilende Kräfte?
Egal was es war, es war ihr äußerst recht so. Obwohl sie gerade noch etwas gegessen hatte, grummelte nun schon wieder der Magen. Beeren allein waren einfach nicht genug, langsam mußte etwas Nahrhafteres auf den Tisch kommen, damit sie bei Kräften blieb. Morgen, ja morgen wollte sie mal versuchen einen Fisch zu fangen, auch wenn ihr das Ausnehmen etwas ekelig vorkam.
Für heute ignorierte sie das Grummeln in ihrem Magen und auch die Gedanken an unangenehme Arbeiten schob sie beiseite. Das Feuer brannte gut und würde dies wohl auch noch eine Weile tun. Wasser und Beeren waren auch noch vorhanden, also legte sie sich auf ihren Schlafplatz, bedeckte Füße und Beine bis hoch zum Schoß mit Blättern sowie Heu und bedeckte nun den oberen Teil des Körpers mit der neuangefertigen Decke. Den Kopf hatte sie schon vorher auf ihre Tasche gelegt, auch wenn diverse Gegenstände darin etwas störend wirkten. Nicht gerade das Nonplusultra, aber für den Augenblick war sie sehr zufrieden.
Wenn, ja wenn da nicht die kalten Füße wären. Kalte Füße hatte sie schon immer gehabt, aber hier draußen war es noch um einiges schlimmer. Wie sollte man denn mit kalten Füßen einschlafen? Viel bewegen konnte sie sich nicht, da immer wieder Heu und auch Blätter von ihr abfielen, doch die Füße mußten aneinander gerieben werden, damit dort irgendwann leben und Wärme einkehrte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie zur Ruhe kam und endlich in einen tiefen Schlaf versank.
- Kapitel 1 - Tanja
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